MILLIARDENBUSINESS SPORT | SPORT.FORUM.SCHWEIZ

MILLIARDENBUSINESS SPORT

Persönlich

November 2015

Am 18. und 19. November wird im KKL Luzern das 21. Sport.Forum.Schweiz durchgeführt. Dabei dreht sich alles um die Frage: «Milliardenbusiness Sport: Was bewegt die Schweiz?» Unter den prominenten Rednern befinden sich unter anderem Mountainbike-Weltmeister Nino Schurter und Ex-Fussballmanager Reiner Calmund. «persönlich» hat sich auf den folgenden Seiten mit bekannten Teilnehmern des Forums über ihre Vorstellungen unterhalten.

«Ich lass mir das Sommermärchen nicht bespucken!»
Der ehemalige Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen Reiner Calmund gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Fussballfunktionäre. Daneben hat er eine Zweitkarriere als TV-Star, Fussballexperte und Moderator gemacht. Am 18. November ist er Gast beim Sport.Forum.Schweiz im KKL Luzern. «persönlich» hat sich mit ihm im Vorfeld über die Entwicklung des Fussballs, den Fall Hoeness und das mögliche Ende des Sommermärchens unterhalten.

Herr Calmund, Sie sind vor rund zehn Jahren als Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen zurückgetreten. Haben Sie den aktiven Fussball nie vermisst?
Nein, weil ich ihn nie vermissen musste. Ich bin ja mittendrin: als Kolumnist, als TV-Experte,  als  Fan.  Im  Übrigen  habe  ich  einem  ehemaligen  Jugendspieler  von  mir,  Volker  Struth,   geholfen,   eine   Spieleragentur   zu   gründen. Heute ist sie eine der weltweit führenden  Agenturen  mit  Spielern  wie  Reus  oder  den  Weltmeistern  Kroos  und  Götze.  Wenn  Sie  die  Kommandobrücke  meinen  –  die  habe  ich  nicht  eine  Sekunde  vermisst.  Der Rückzug hat mir im letzten Lebensdrittel sehr viel Lebensqualität beschert. Diese Last  der  Verantwortung  auf  dieser  Ebene,  die  kann  dich  kaputt  machen.  Und  diese  Verantwortung  trage  ich  eben  nicht  mehr.  Und ich vermisse sie ganz sicher nicht.

Inwiefern hat sich der Fussball im letzten Jahrzehnt verändert?
Auf dem Rasen ist er noch schneller, noch intensiver  geworden.  Pressing  und  Gegenpressing    verlangen    erhöhte    Aufmerksamkeit,    mehr Präsenz, es gibt nur noch wenige Ruhephasen. Ob der Fussball dadurch schöner geworden  ist,  sei  mal  dahingestellt,  auf  jeden  Fall  ist  für  die  Fans  das  aggressive  Tempospiel  hochinteressant,  ausverkaufte  Stadien  und    Top-Einschaltquoten    bestätigen    das.    Ausserhalb  des  Rasens  hat  sich  der  Fussball  zu  einem  absoluten  Premiumprodukt  entwickelt.  Er  ist  ein  Milliardengeschäft,  und  wir  erleben  gerade  in  den  grossen  Verbänden,  dass dies nicht immer ein Vorteil sein muss.

Bayern München ist der Beweis, dass man mit sehr viel Geld eigentlich alles erreichen kann. Macht dies den Fussball auf lange Sicht nicht langweilig?
Nein, langweilig nicht. Es macht ihn auf eine gewisse Weise vorhersehbar. Es gibt keinen anderen Favoriten auf die deutsche Meisterschaft  als  den  FC  Bayern.  So  ist  der  Status  quo.  Aber:  Den  Bayern  ist  es  unter  ihrem  Manager  Uli  Hoeness  wie  keinem  anderen  Klub gelungen, den sportlichen Erfolg auch in  einen grossen,  bleibenden  wirtschaftlichen Erfolg umzumünzen. Und auch aktuell haben  die  Münchner  nicht  nur  Weltmeister  in  kurzen  Hosen  auf  dem  Rasen,  sondern  ebenso in langen Hosen hinter dem Schreibtisch.   Trotzdem   ist   die   Bundesliga   nicht   langweilig.  Im  Gegenteil:  Hinter  den  Bayern kämpfen zehn Teams um die internationalen  Plätze.  Der  Rest  fightet  gegen  den  Abstieg.  Da  kann  keine  Langweile  aufkommen.  Und:  Der  FC  Bayern  spielt  in  jedem  Spiel vor ausverkauftem Haus. Daheim und auswärts. Das kann nicht mit Langeweile zusammenhängen,  das  spricht  eher  für  grosse  Neugier,  für  Attraktivität.  Mit  43  500  Besuchern   hält   die   Bundesliga   den   absoluten  Weltrekord im Zuschauerschnitt, hinzu kommen die weltweiten TV-Übertragungen. Vor der heimischen Flimmerkiste ist Fussball ein weitgehend   konkurrenzloses   Premiumprodukt.  Dortmund  hat  jeweils  80 000  Zuschauer,   München   75 000,   aber   auch   Schalke   kommt  auf  61 000  und  Hamburg  auf  53 000  Zuschauer. Im Übrigen gilt: Nicht die Menge des  Geldes  ist  entscheidend,  sondern  das,  was damit passiert. In England ist wesentlich mehr  Kohle  unterwegs,  und  die  Erfolge  der  Premier  League  in  Europa  sind  mehr  als  überschaubar. In der letzten Saison war kein englischer Klub im Viertelfinale der Champions  League  und  der  Europa  League.  Insofern: Hut ab vor den Bayern!